Wiener evangelischer Theologe Danz in neuer "Diesseits von Eden"-Podcast-Folge: Erstmalig veröffentlichte Harvard-Vorlesungen stellen Tillichs späte Kulturtheologie "in einer Breite dar, wie wir sie sonst nicht haben"
Wien, 23.03.2026 (KAP) Ein an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) angesiedeltes Editionsprojekt zu bislang unveröffentlichten Vorlesungen des protestantischen Theologen und Philosophen Paul Tillich (1886-1965) steht kurz vor dem Abschluss. Die sogenannten "Harvard Lectures" über Religion und Kultur, die Tillich Mitte der 1950er Jahre in den USA gehalten hat, sollen noch im Laufe des Jahres in einer digitalen Open-Access-Edition zugänglich gemacht werden.
Im Zentrum stehen Vorlesungsmitschriften aus dem Archiv der Deutschen Paul-Tillich-Gesellschaft, die nun erstmals wissenschaftlich erschlossen, digital aufbereitet und öffentlich zugänglich gemacht werden. Ziel ist es, eine verlässliche Edition der Texte zu erstellen und diese zugleich über eine Webplattform verfügbar zu machen. Die Edition integriert neben den Texten auch Bildmaterial, das Tillich in seinen Vorlesungen verwendet hat, und bietet damit einen erweiterten Zugang zu seinem Denken.
Initiator des Wiener Projekts ist der Theologe Christian Danz von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. In einer neuen Folge des Theologie-Podcasts "Diesseits von Eden" verwies Danz auf die besondere Bedeutung der Vorlesungen: Diese stellten "Tillichs späte Kulturtheologie in einer Breite dar, wie wir sie sonst nicht haben". Die Texte seien bisher weitgehend unbekannt gewesen und erlaubten einen neuen Zugang zu einem zentralen Abschnitt seines Werkes.
Tillich gilt als einer der einflussreichsten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Sein Denken ist durch eine enge Verbindung von Theologie und Philosophie geprägt. "Theologie und Philosophie schwingen bei ihm immer zusammen", betonte in dem Podcast der Trierer Philosoph und Tillich-Experte Werner Schüssler.
"Theologie der Kultur"
Die Harvard-Vorlesungen markieren eine späte Phase in Tillichs Werk, in der er seine bereits in den 1920er Jahren entwickelte "Theologie der Kultur" erneut aufgreift und systematisch entfaltet. Zentral ist dabei seine bekannte Formel, wonach Religion die "Substanz der Kultur" und Kultur die "Form der Religion" sei. Tillich versuche darin zu zeigen, dass religiöse Dimensionen in allen Bereichen der Kultur wirksam sind - von Kunst über Politik bis hin zur Wissenschaft, so Schüssler. Besondere Aufmerksamkeit widmete Tillich in den Vorlesungen der Kunst sowie der Tiefenpsychologie, führte der Experte aus.
Nach Angaben der Projektverantwortlichen soll die digitale Edition bis spätestens Ende des Jahres vollständig online verfügbar sein. Sie wird frei zugänglich sein und damit sowohl der wissenschaftlichen Forschung als auch einer breiteren Öffentlichkeit offenstehen.
Mit der Veröffentlichung der Harvard-Vorlesungen wird ein bislang wenig beachteter Teil von Tillichs Werk erstmals umfassend erschlossen, so Danz abschließend. Zugleich unterstreiche das Wiener Editionsprojekt die anhaltende Relevanz seines Denkens für die Gegenwartsdebatten über das Verhältnis von Religion und Kultur. Wie Danz betonte, gehört Tillich "zu den großen Theologen des 20. Jahrhunderts", dessen Ansatz einer kulturell vermittelten Theologie bis heute weiterwirkt. (Podcast zum Nachhören und als Transkript: https://diesseits.theopodcast.at/theologie-philosophie-paul-tillich)