Autor und Psychotherapeut Michael Lehofer: Überfluss am Falschen als Grund für Unzufriedenheit
Wien, 26.03.2026 (KAP) Verzicht kann für den Grazer Psychiater Michael Lehofer den Blick auf das Wesentliche freilegen. "Wenn man eine Zeit lang verzichtet, nimmt man intensiver wahr und hat mehr vom Leben", erläutert der ärztliche Direktor am LKH Graz im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress. Entscheidend sei jedoch, dass Verzicht "auf die Erfahrung der Fülle hin angelegt" sei und nicht in einen dauerhaften Zustand münde. Grundsätzlich ortet der Psychologe, Psychotherapeut, Autor und Podcaster eine Schieflage im Umgang mit Bedürfnissen und Wünschen: "Wenn wir nur den Wunsch bedienen, entsteht keine echte Erfüllung. Es sättigt, aber befriedigt nicht."
Auch in seinem neuen Buch "Zu viel von Allem und zu wenig vom Richtigen" widmet sich Lehofer der Unzufriedenheit, obwohl man faktisch alles hat - ein Phänomen, das zu Frustration oder sogar zu süchtigem Verhalten führen kann. Denn: "Mehr haben, heißt nicht mehr leben", so der bekannte Autor.
Vor diesem Hintergrund äußert sich Lehofer auch differenziert zum Zölibat. Ein institutionalisierter Verzicht berge ein Spannungsfeld: "Wenn man den Zölibat so versteht, dass der Verzicht auf eine konkrete Liebesbeziehung die Wahrnehmung für die Liebe zu Gott öffnet, hat das eine innere Logik", so der Psychiater. Der dauerhafte Verzicht ist jedoch wie eine Fastenzeit ohne Ostern. Denkbar sei deshalb auch der umgekehrte Zugang, die Liebe zu anderen Menschen als Symbol der Liebe zu Gott zu verstehen.
Vernachlässigung durch Verwöhnung
Kritisch sieht Lehofer auch Verwöhnung, die er als "eine Art Vernachlässigung" beschreibt, weil Menschen nicht das erhielten, was sie tatsächlich brauchen. Ihre Grundbedürfnisse - etwa nach Beziehung und Verbindung - würden dadurch nicht gedeckt, sondern mit Ersatzprodukten überdeckt. Als Beispiel nennt er die Entwicklung, in der es zunächst ein unterstützendes "Hilfs-Ich" braucht, das sich jedoch zurückziehen muss, damit Selbstständigkeit entstehen kann. "Wenn das nicht passiert, wird verwöhnt und das Selbst entwickelt sich nicht", so der Autor.
Auch gesellschaftlich erkennt der Psychiater entsprechende Dynamiken: So sei der Sozialstaat zwar "moralisch unerlässlich", dürfe aber nicht die Selbstverantwortung der Bürgerinnen und Bürger untergraben. "Wenn immer mehr gegeben wird, wird die Frustration nicht weniger, sondern mehr." Es brauche daher "mehr Räume der Selbstverantwortung", so Lehofer. Letztlich würde ein "verwöhnender Sozialstaat, der den Bürgern alles gibt" auch den Parteien, die ihre Wählerinnen und Wähler alle Wünsche erfüllen wollen, nicht dienen, "denn sonst würden die Wahlergebnisse anders ausschauen."
Gemeinsam mit dem Innsbrucker Bischof Hermann Glettler hat Lehofer in der Vergangenheit die Bücher "Trost" (2020) und "Die fremde Gestalt. Gespräch über den unbequemen Jesus" (2018) veröffentlicht. Sein jüngstes Buch "Zu viel von Allem und zu wenig vom Richtigen", ist im Kneipp Verlag erschienen, hat 192 Seiten und kostet 25 Euro.
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