Experte: Erfahrungen der Kirche Algeriens für Weltkirche bedeutsam
08.04.202608:02
Algerien/Kirche/Papst
Dominikaner P. Halft in "feinschwarz"-Beitrag über Situation der Christinnen und Christen in dem muslimisch dominierten Land
Algier/Bonn, 08.04.2026 (KAP) Als Kirche in einer absoluten Minderheitenposition, strukturell schwach und höchst vulnerabel, beschreibt der deutsche Dominikaner P. Dennis Halft die katholische Kirche in Algerien. Zugleich würden diese Erfahrungen aber auch die Weltkirche bereichern, so Halft in einem Beitrag für das theologische Portal "feinschwarz.net" im Vorfeld der Algerien-Reise von Papst Leo.
Neben der absoluten Minderheitensituation spiele auch das Gedenken an die christlichen Märtyrer der vergangenen Jahre eine zentrale Rolle im kirchlichen Selbstverständnis, berichtet Halft. Dieses christliche Lebenszeugnis finde zudem auch unter Muslimen große Beachtung.
Dennis Halft ist Dominikaner und verwaltet als Islamwissenschaftler und Theologe an der Theologischen Fakultät Trier den Lehrstuhl für Abrahamitische Religionen mit Schwerpunkt Islam und interreligiöser Dialog. Er ist Mitglied des Institut dominicain d'études orientales in Kairo und seit 2021 Berater der Unterkommission für den Interreligiösen Dialog der Deutschen Bischofskonferenz.
Die Zahl der Christinnen und Christen in Algerien belaufe sich auf wenige Tausend, die verstreut in dem flächenmäßig größten Land Afrikas leben. Dennoch wachse die Gemeinde im bevölkerungsreichen Küstenstreifen in den Diözesen Algier im Zentrum, Oran im Nordwesten und Constantine im Nordosten, so Halft. Anders als in vielen muslimischen Ländern sei es in Algerien nicht gesetzlich verboten, als Muslim einen anderen Glauben anzunehmen, auch wenn Konvertiten soziale Konsequenzen fürchten müssten. Einige fühlten sich deshalb zu einem "Doppelleben" genötigt, so der Ordensmann. Die katholischen Gemeinden bestünden aus Einheimischen, Afrikanern aus subsaharischen Ländern und Europäern, die in Algerien leben und arbeiten.
Kardinal Jean-Paul Vesco, der katholische Erzbischof von Algier, lehne jede Art von Spaltung und Proselytenmacherei ab. Vielmehr bestehe die Aufgabe der Kirche in Algerien laut dem Kardinal darin, mit Musliminnen und Muslimen nachbarschaftlich zusammenzuleben und einen Beitrag zur Versöhnung der algerischen Gesellschaft zu leisten. Halft: "Eine solche Versöhnung tut Not, denn das Land, das 1962 von Frankreich unabhängig wurde, leidet bis heute an einer doppelt klaffenden Wunde." - Zum einen an den Folgen der rund 130-jährigen französischen Kolonialherrschaft und eines jahrelangen brutalen Unabhängigkeitskriegs, zum anderen an den schwarzen Jahren der 1990er, als Islamisten und algerische Regierungskräfte das Land in einen verheerenden Bürgerkrieg mit schätzungsweise 150.000 Toten stürzten. Auch Imame, die sich gegen die islamistisch motivierte Gewalt stellten, seien getötet worden. Allmählich würden die Algerierinnen und Algerier aber beginnen, "ihre Traumata ins Wort zu fassen", berichtet Halft.
Blutiges Glaubenszeugnis
Zwischen 1994 und 1996 wurden insgesamt 19 französische, spanische und belgische Ordensleute ermordet, "die ihre Berufung darin sahen, den Algeriern in Nächstenliebe zu dienen". Die Bekanntesten von ihnen seien die sieben Mönche des Trappistenklosters von Tibhirine im Atlas-Gebirge südwestlich von Algier, die im Frühjahr 1996 von Islamisten entführt und später massakriert wurden. Die genauen Hintergründe der Bluttat seien bis heute nicht aufgeklärt, so Halft. Wenige Monate nach der Ermordung der Trappisten tötete eine Bombe den Dominikaner, Islam-Kenner und Bischof von Oran, Pierre Claverie. Auch Claveries muslimischer Freund Mohamed Bouchikhi, der ihn mit seinem Wagen vom Flughafen abholte, kam bei dem Anschlag am 1. August 1996 in Oran ums Leben.
Halft: "Die ermordeten Ordensleute waren sich der Gefahr für Leib und Leben wohlbewusst. Dennoch entschieden sie sich, auch während der Bürgerkriegsjahre in Algerien zu bleiben und den Menschen beizustehen."
2018 wurden die 19 Märtyrerinnen und Märtyrer Algeriens in der Basilika Notre-Dame de Santa Cruz in Oran im Auftrag von Papst Franziskus (2013-2025) seliggesprochen. Die Kirche gedenkt ihrer alljährlich am 8. Mai. Ihre Konterfeis zierten nicht nur die Altarwand der Kirche des Diözesanhauses in Algier, sondern seien auch andernorts im Land sichtbar, so Halft: "Das Schicksal dieser Märtyrerinnen und Märtyrer bewegt Christen und Muslime gleichermaßen, die gemeinsam das schwarze Jahrzehnt Algeriens durchlebt haben."
Das einstige Trappistenkloster von Tibhirine sei dank des Engagements der Gemeinschaft Chemin Neuf zu einem wichtigen Ort des Gedenkens und der Versöhnung geworden, "an dem alle Algerierinnen und Algerier ihre Erinnerung an die Schrecken des Bürgerkriegs zur Sprache bringen können".
Kirchliches Leben in Sidi Bel Abbes
Wie dieses christliche Zeugnis in einer absoluten Minderheitenposition gelebt wird, berichtet der Bischof von Oran, Davide Carraro, in der aktuellen Ausgabe der Ordenszeitschrift "Echo aus Afrika". Die Diözese Oran zählt sieben Pfarren, besonders aktiv sei jene in Sidi Bel Abbes. Das Pfarrzentrum sei eine wichtige Begegnungsstätte, "wodurch die katholische Kirche in der algerischen Gesellschaft präsent ist und Orte schafft, an denen Menschen lernen können, andere willkommen zu heißen, zusammenzuarbeiten und ihr kulturelles Erbe zu teilen", so Bischof Carraro.
In der Pfarre würden die Menschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit Zuwendung und Hilfe bekommen. Spiritanerpatres und Salesianerinnen leiten das Zentrum, das insgesamt von etwa 6.000 Personen regelmäßig besucht werde.
Kurse und diverse kulturelle Angebote würden im Obergeschoß stattfinden, im Erdgeschoß befinde sich der Gebetsraum für die kleine christliche Gemeinde, der als Pfarrkirche dient. Die Kirche werde auch immer wieder von Muslimen besucht, "die von ihrer Geschichte angezogen werden oder aus Neugierde kommen", so der Bischof.
Um alle algerischen Christen und vor allem die vielen Studentinnen und Studenten aus Subsahara-Afrika fassen zu können, soll der Gebetsraum nun ausgebaut werden. Bischof Carraro: "Da unsere Umgebung überwiegend muslimisch ist, wird diese Restaurierung ein stilles, aber beredtes Zeugnis unserer Liebe zu Christus sein."
(Kathpress-Schwerpunkt mit allen Meldungen und Hintergrundberichten zur Afrika-Reise von Papst Leo XIV. abrufbar unter www.kathpress.at/papst-in-afrika)