Britische Sozialethikerin und Vatikanberaterin Rowlands erklärt im Vatican-News-Gespräch die Grundzüge der neuen KI-Enzyklika des Papstes - Leo ruft dazu auf, gemeinsam eine "Zivilisation der Liebe" aufzubauen
Vatikanstadt, 26.05.2026 (KAP) Papst Leos Sozialenzyklika "Magnifica humanitas" greift nach Einschätzung der Theologin Anna Rowlands eine zentrale Frage der Gegenwart auf, die allerdings viele gerne von sich wegschieben: den Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI). Die Auswirkungen der Technologie träfen Arbeitswelt, Familien, Migranten, Politik und globale Konflikte bereits jetzt. "Es gibt kein Morgen, an dem man erst anfangen könnte, über diese Themen nachzudenken", sagte Rowlands dem vatikanischen Nachrichtenportal "Vatican News" (Dienstag).
Die katholische Sozialethikerin aus Großbritannien war unter den Fachleuten, die am Pfingstmontag gemeinsam mit Leo XIV. dessen erste Enzyklika der Öffentlichkeit präsentierten. Viele Menschen fühlten sich unsicher im Umgang mit Fragen rund um KI, so Rowlands. "Es gibt da eine gewisse Hoffnung, und das sagt der Heilige Vater in dem Dokument auch selbst, dass vielleicht jemand anderes über diese Dinge nachdenken wird. Aber wir müssen darüber nachdenken, und wir müssen gemeinsam darüber nachdenken", so die Theologin und langjährige Vatikanberaterin.
Der Papst richte den Blick dabei vor allem auf die Frage, wo diese Debatten geführt werden. "Im Mittelpunkt des Dokuments steht der Gedanke: Wie können wir vermeiden, dass diese Fragen in privaten Bereichen, die eher von Gewinnstreben als von Menschenwürde bestimmt sind, außer Acht gelassen werden?" Besonders wichtig seien gemeinsame Räume, in denen die Stimmen jener zuerst Gehör finden, die unter einer "algorithmischen Ordnung" und einer digitalen Welt am stärksten litten.
Für die Theologin, die an der Universität Durham in England lehrt und von Leo XIV. kürzlich auch zum Mitglied der Vatikanbehörde zur Förderung der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen ernannt wurde, liegt die besondere Rolle des Papstes darin, moralische und geistliche Grundfragen zu stellen. Leo XIV. frage nicht nach Technik, sondern nach dem Menschen, so Rowlands zu Vatican News. "Was denken wir eigentlich, was menschliches Leben ist? Wer sind wir als Menschen? Was ist die Vision und das Ziel, auf das wir im Blick auf unsere Menschlichkeit und unser gemeinsames menschliches Leben hinarbeiten?" Der Papst verbinde diese Fragen mit einer analytisch scharfen Bestandsaufnahme über den Machtdiskurs, der sich an die Technik knüpft.
Papst will "Zivilisation der Liebe"
"Papst Leo übt heftige Kritik an - wenn man so will - den falschen Erzählsträngen, den falschen Narrativen darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein, als auch insbesondere an jenen, die Macht und Herrschaft über andere in den Vordergrund stellen, sei es in der Politik, im Krieg, in Konflikten oder auch in der Wirtschaft. Im Zentrum des Bildes stehen verzerrte und verkehrte Versionen der Geschichte dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein - Versionen, die uns einschränken. Sie sehen aus wie Geschichten von Stärke, in denen wir uns gewissermaßen aufblasen", sagte die Sozialethikerin. "Aber in Wirklichkeit schrumpfen wir, wir verengen diese Räume."
Dem stelle Leo XIV. die Idee einer "Zivilisation der Liebe" entgegen. Der Papst greife damit einen Begriff von Paul VI. aus dem Jahr 1970 auf. "Jetzt ist der Moment, diese Sprache zurückzugewinnen", erklärte Rowlands. Gemeinsam brauche die Menschheit "eine moralische Vorstellungskraft, eine Weise, einander und die Welt zu sehen, die den Wert des Menschseins erkennt". Menschen dürften diesen Wert nicht auf KI-Werkzeuge übertragen und dadurch die eigene Menschlichkeit herabsetzen.
Die Enzyklika beschreibe den Menschen zugleich als endliches Wesen, geschaffen für das Große und Verbindende. "Gemeinsam müssen wir diese Zivilisation der Liebe aufbauen", sagt Rowlands. "Und das gelingt nur, wenn wir ganz aus dem Bewusstsein leben, dass wir endliche Geschöpfe sind, geschaffen für die Liebe, mit einer Sehnsucht nach Gerechtigkeit, und dass wir diese Welt gemeinsam durch Teilhabe gestalten."
"KI ist nicht wie Magie"
Rowlands zieht Parallelen zur Sozialenzyklika "Rerum novarum" von Leo XIII., die vor genau 135 Jahren erschienen ist. "Rerum novarum" habe Ende des 19. Jahrhunderts unmittelbare Folgen für Arbeiterbewegungen, Gewerkschaften und Kampagnen für gerechte Löhne gehabt, erinnerte sie im Vatican-News-Interview. Noch Jahrzehnte später habe die erste Sozialenzyklika der Kirchengeschichte christlich-politische Bewegungen geprägt. Auch "Magnifica humanitas" von Leo XIV. könnte nach Einschätzung der Theologin eine solche Wirkung entfalten. Die Enzyklika nehme zwar erstmals gezielt Künstliche Intelligenz in den Blick. Gleichzeitig stehe sie in einer langen Tradition kirchlicher Sozialverkündigung zu Industrialisierung, Kapitalismus und Arbeitswelt.
Rowlands betonte, KI erscheine vielen Menschen abstrakt. Dabei handle es sich um eine Industrie mit realen Auswirkungen. "KI ist nicht wie Magie. Das ist kein magisches Denken", sagte sie. "Es gibt reale Menschen mit realen Körpern, die arbeiten und Rohstoffe aus der Erde gewinnen." Der Papst versuche deshalb zu zeigen, dass KI nicht bloß eine Technologie sei, sondern eine Industrie - und zugleich Teil der kreativen Natur des Menschen. "Aber es ist auch so, dass moderne Wissenschaft und Technologie oft mit Vorstellungen von Herrschaft und Beherrschung über die Erde einhergehen. Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein mit den Machtnarrativen, die mit den Weltanschauungen verbunden sind, welche diese Technologien begleiten."
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