Team um Salzburger Armenologin Dum-Tragut erforscht unbekannte Geschichte des Klosters aus dem 13. Jahrhundert - "Immer wenn wir glauben, wir sind jetzt einen wesentlichen Schritt weiter, scheint ein neues Rätsel aufzutauchen"
Jerewan/Salzburg, 16.09.2026 (KAP) Im nordarmenischen Kloster Arakelots geht dieser Tage die zweite Phase der umfangreichen österreich-armenischen Grabungs- und Forschungsarbeiten zu Ende. Unter der Leitung der Salzburger Armenologin Prof. Jasmine Dum-Tragut ist ein österreichisch-armenisches Team dabei, der weitgehend unbekannten Baugeschichte des Klosters auf den Grund zugehen. Die erste Grabungsphase fand im vergangenen April statt; nach den jüngsten Arbeiten habe sich das Aussehen des Klosters bereits wesentlich verändert, "neue Baustrukturen wurden freigelegt, sowie auch weit über 120 architektonische Bauteile und Keramik aus dem Schutt und aus der Erde gegraben", berichtete Dum-Tragut am Mittwoch der Nachrichtenagentur Kathpress.
Der Ort der Grabungen befindet sich in einer geopolitischen schwierigen Region im armenisch-aserbaidschanischen Grenzgebiet. Arakelots, ein Ensemble religiöser und weltlicher Denkmäler, liegt zwei Kilometer westlich des Dorfes Atscharkut am Fluss Kirants und bietet wertvolle Einblicke in das kulturelle und wirtschaftliche Leben des 13. Jahrhunderts. Das Kloster ist mit Wällen und Wachtürmen befestigt und verfügt über eine architektonisch bemerkenswerte Hauptkirche. Zu den Überresten der Siedlung gehören zwei Kirchen, eine Karawanserei, eine Ölmühle und eine Brücke. Arakelots war einst ein pulsierendes mittelalterliches Handelszentrum an der armenischen Seidenstraße, wurde ab dem 17. Jahrhundert aber weitgehend verlassen und aufgegeben und ist noch kaum erforscht.
Dum-Tragut: "Das Kloster ist ein ungewöhnlicher Baukomplex, bei dem wir es nicht mit genau abzugrenzenden Bauphasen und -plänen zu tun haben, vieles ist für die Wissenschaftler noch rätselhaft." Bei den jüngsten Grabungen habe man wieder unerwartet neue Strukturen gefunden. "Immer wenn wir glauben, wir sind jetzt einen wesentlichen Schritt weiter, scheint ein neues Rätsel aufzutauchen."
Mit dabei bei den Grabungen war dieses Mal auch ein Experte aus Österreich, der Bauforscher Oliver Fries. Auch er zog eine sehr positive Zwischenbilanz. Armenien verfüge über ein unglaublich reiches und vielfältiges baukulturelles Erbe, das weit über die bekannten großen Klöster und Kirchen hinausgeht, so Fries. In Arakelots werde dieser Reichtum in besonderer Weise sichtbar. Als Bauhistoriker faszinierten ihn an Arakelots insbesondere die vielfältigen Parallelen zu vergleichbaren Bauten in Europa. Dies verdeutliche die Position Armeniens an der Schwelle zum christlichen Abendland. Umso wichtiger sei es, "dieses einzigartige Erbe gemeinsam mit den Menschen vor Ort zu erforschen, zu schützen und für kommende Generationen sichtbar und erfahrbar zu machen", so Fries.
Kulturwanderweg geplant
Arakelots liegt in einem dichten Waldstück, war in Vergessenheit geraten und dem Verfall preisgegeben. Dum-Tragut will nicht nur die komplexe Baugeschichte des Klosters und seiner umliegenden Siedlung erforschen, sondern auch die Stätte wieder in das Bewusstsein der lokalen Bevölkerung und der gesamten Region bringen. Geplant sei deshalb etwa auch das Anlegen eines Kulturwanderwegs und die Öffnung von Arakelots für spirituelle und kulturelle Veranstaltungen. Sie wolle schlicht "einen Ort des Eintauchens in die mittelalterliche armenische Kultur" schaffen, so die Salzburger Armenologin.
Inzwischen sei auch das armenische Kulturministerium auf Arakelots aufmerksam geworden und überlege Befestigungs- und Restaurierungsarbeiten. Auch ein Buch bzw. Fotoband ist unter Patronanz der Armenisch-apostolischen Kirche im Entstehen. Generell zeige die Armenische Kirche großes Interesse an den Forschungen und den Plänen zur nachhaltigen Reaktivierung des vergessenen Klosters, so Dum-Tragut.
Arakelots unter gefährdetsten Kulturstätten
Arakelots wurde zudem 2025 in das internationale Programm der sieben am stärksten gefährdeten europäischen Kulturstätten "Europa Nostra 7 most endangered" aufgenommen wurde. Das Programm "7 Most Endangered" wurde 2013 vom europäischen Denkmalschutz-Verbund Europa Nostra und der Europäischen Investitionsbank ins Leben gerufen. Das Programm identifiziert gefährdete Denkmäler und Stätten in Europa und mobilisiert öffentliche und private Partner auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene, um eine tragfähige Zukunft für diese Stätten zu finden.
Dum-Tragut ist auch eine der Referentinnen bei der anstehenden Jahrestagung der "Initiative Christlicher Orient" (ICO) von 21. bis 22. September im Salzburger Bildungszentrum St. Virgil. Diese steht unter dem Generalthema "Armenisches Christentum im Nahen Osten - Geschichte, Gegenwart, Zukunft". Bei der Tagung soll die Lage in Syrien, im Heiligen Land oder auch in der Türkei beleuchtet werden. Ebenso kommen armenische Christinnen und Christen aus Österreich zu Wort. (Infos: www.christlicher-orient.at)