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Tiran Petrosyan
Interview
Bild Copyright: © Kathpress/Paul Wuthe

Petrosyan: "Die armenische Kirche steht über politischen Lagern"

18.09.2026 10:41
Armenien/Österreich/Kirche/Politik/Konflikte/Karekin.II./Petrosyan
Wiener armenisch-apostolischer Bischof weist im Kathpress-Gespräch politische Einordnung von Kirchenoberhaupt Karekin II als Russland-freundlich zurück - Österreich könnte zur Lösung des Konflikts zwischen Kirche und Regierung in Armenien beitragen
Wien, 18.09.2026 (KAP) Der Wiener armenisch-apostolische Bischof Tiran Petrosyan hat zum Konflikt zwischen dem armenischen Kirchenoberhaupt Katholikos Karekin II. und der armenischen Regierung unter Ministerpräsident Nikol Paschinjan Stellung genommen. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress wies der Bischof Behauptungen zurück, der Konflikt liege darin begründet, dass Paschinjan Armenien politisch an den Westen annähern möchte, während Karekin nach Russland hin orientiert ist. Diese Einordnung des Katholikos sei falsch; welchen außenpolitischen Kurs Armenien einschlägt, sei Sache des Staates und seiner politischen Führung und keinesfalls der Kirche. Daraus könne man aber nicht ableiten, dass der Katholikos gegen den Westen bzw. Europa stehe. Denn: "Die Kirche steht über politischen Lagern."

Die Armenisch-apostolische Kirche pflege seit vielen Jahren Beziehungen zu Kirchen und Ländern in ganz unterschiedlichen Teilen der Welt. Dazu gehörten Russland und die Russisch-Orthodoxe Kirche ebenso wie die Römisch-katholische Kirche und zahlreiche Kirchen in Europa und weltweit.

Ein besonders deutliches Zeichen dafür sind laut Petrosyan die Beziehungen zur Katholischen Kirche. Während des Pontifikats von Katholikos Karekin II. hätten bereits zwei Päpste Armenien besucht: Papst Johannes Paul II. im Jahr 2001 und Papst Franziskus im Jahr 2016. "Beide Besuche waren wichtige Zeichen der Verbundenheit und des ökumenischen Dialogs", so der Bischof.

Beziehung zur Kirche in Österreich "eng und freundschaftlich"

Auch die Beziehungen zur Kirche in Österreich seien "eng und freundschaftlich". Für die Armenisch-apostolische Kirche geht es daher nicht um ein politisches "Entweder-oder" zwischen Ost und West, sondern: "Unser Auftrag ist es, mit allen Kirchen im Gespräch zu bleiben und unseren geistlichen Dienst zu erfüllen."

Er halte mediale Bezeichnung des Katholikos als "Patriarch Putins" für eine "unangemessene und verletzende politische Zuspitzung". Sie werde weder der Person des Katholikos noch der Wirklichkeit der Armenischen Kirche gerecht und könne von Millionen armenischen Christen als Herabsetzung ihrer Kirche und ihres Glaubens empfunden werden.

Die Kirche stehe "für den Glauben, für die Einheit des armenischen Volkes und für die Bewahrung unserer christlichen und kulturellen Identität". Ihre Beziehungen zu verschiedenen Staaten und Kirchen seien deshalb Ausdruck ihrer kirchlichen und geistlichen Aufgabe und nicht einer politischen Parteinahme.

Der armenische Bischof zeigte sich zudem sehr besorgt über "die Menge an Desinformation, die derzeit über die Armenische Kirche verbreitet wird". Teilweise würden Behauptungen ohne ausreichende Grundlage übernommen und immer wieder wiederholt, "bis sie den Anschein von Wahrheit bekommen". Petrosyan: "Man kann die Kirche kritisieren, und man kann über ihre inneren Fragen kontrovers diskutieren. Aber Kritik muss auf Fakten beruhen." Wenn aus politischen Interessen ein vereinfachtes oder verzerrtes Bild der Kirche gezeichnet wird, diene das weder der Wahrheit noch dem Frieden in Armenien.

Forderung nach Gerichtsverfahren ohne politischen Einfluss

Die armenische Kirchenleitung mit Katholikos Karekin an der Spitze steht seit geraumer Zeit vonseiten der Politik und infolge auch der Justiz stark unter Druck. Einige Bischöfe wurden bereits zu Haftstrafen oder Hausarrest verurteilt. Nun gibt es auch gegen Karekin II. ein Gerichtsverfahren. Petrosyan: "Für einen armenischen Christen ist die Kirche nicht einfach eine Institution. Sie ist Teil der eigenen Identität, der Geschichte und des persönlichen Lebens." Viele Menschen würden deshalb das derzeitige Vorgehen gegen Geistliche und gegen die Kirchenleitung als sehr belastend empfinden. Besonders schmerzlich sei es, "wenn Geistliche wegen ihrer kirchlichen oder öffentlichen Haltung strafrechtlich verfolgt werden".

Die Kirche dürfe natürlich kritisiert werden, "und auch Geistliche stehen selbstverständlich nicht außerhalb des Rechts". Entscheidend sei aber die Unterscheidung zwischen legitimer Kritik und staatlichem Druck auf die Kirche.

Darauf angesprochen, dass der Prozess gegen Katholikos Karekin bereits drei Mal verschoben wurde, weil sich Richter nicht zuständig fühlten, meinte der Bischof, er wolle die Arbeit der Gerichte nicht politisch beurteilen. "Die Gerichte müssen unabhängig arbeiten, und jeder Angeklagte hat Anspruch auf ein faires Verfahren, frei von politischem Einfluss".

Armenische Grenzüberschreitungen

Kein gutes Haar ließ der Bischof daran, dass im aktuellen armenischen Regierungsprogramm dezidiert ein Wechsel an der Kirchenspitze festgeschrieben ist. Damit werde eine Grenze berührt, die zwischen staatlicher und kirchlicher Verantwortung bestehen müsse. Petrosyan: " Die Armenisch-apostolische Kirche ist vom Staat getrennt und hat das Recht, ihre inneren Angelegenheiten selbst zu regeln. Dazu gehört selbstverständlich auch die Bestimmung ihres geistlichen Oberhauptes." Die Kirche lehne es daher klar ab, dass eine staatliche Regierung festlegt, wer die Kirche leiten soll. Er denke, "dass die große Mehrheit der Armenier eine klare Trennung zwischen staatlicher und kirchlicher Verantwortung erwartet".

Berg-Karabach: Sorge um christliches Erbe

Darauf angesprochen, dass sich die aktuelle armenische Regierung scheinbar mit dem Verlust von Berg-Karabach und dem damit verbundenen Verlust eines großen armenischen und christlichen Kulturerbes abgefunden hat, betonte Petrosyan, dass für die Armenier Berg-Karabach weit mehr sei als eine politische Frage. "Diese Region gehört zu den historischen Zentren unseres Volkes und zu den wichtigen Wiegen des armenischen Christentums. Dort befinden sich jahrhundertealte Kirchen, Klöster, Kreuzsteine und Friedhöfe - Zeugnisse einer christlichen Kultur, die über viele Jahrhunderte gewachsen ist."

Heute stehe Berg-Karabach vollständig unter der Kontrolle Aserbaidschans. Nach der militärischen Offensive im September 2023 hat die gesamte christliche armenische Bevölkerung die Region verlassen. Damit ist eine jahrhundertealte armenische Gemeinschaft aus ihrer Heimat verschwunden. Die Sorge, was mit diesem religiösen und kulturellen Erbe geschieht, sei mehr als berechtigt: "Es gibt Berichte über die Beschädigung beziehungsweise Zerstörung armenischer religiöser Stätten. Auch die Entwicklungen rund um armenische Kirchen und andere Kulturgüter geben Anlass zur Sorge."

Die politische Realität sei klar: Berg-Karabach stehe vollständig unter der Kontrolle Aserbaidschans. Nach der militärischen Offensive im September 2023 habe die gesamte christliche armenische Bevölkerung die Region verlassen. Die Kirche erwarte aber, "dass die armenischen Kirchen, Klöster, Friedhöfe und anderen Zeugnisse unseres christlichen Erbes geschützt und für die internationale Öffentlichkeit zugänglich bleiben".

Viele Armenier würden den Verlust von Berg-Karabach als eine tiefe nationale und menschliche Tragödie empfinden. Gleichzeitig wünschten sich die Menschen Frieden und Sicherheit für die Republik Armenien. Diese beiden Anliegen dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, betonte der Bischof, der zugleich Kirche und Politik in Armenien zum Dialog aufrief: "Die Kirche muss bereit sein, über berechtigte Fragen und notwendige Reformen zu sprechen. Gleichzeitig muss die politische Führung die Eigenständigkeit der Kirche und ihre inneren Regeln respektieren." Auch Gerichtsverfahren sollten nicht zu einem Mittel des politischen Streits werden.

Petrosyan: "Am Ende geht es nicht darum, dass die Kirche über die Regierung oder die Regierung über die Kirche siegt. Es geht um das Wohl Armeniens, um Frieden und um die Einheit unseres Volkes."

Österreich kann zur Konfliktlösung beitragen

Zur Frage, was die Kirchen und die Politik in Österreich dazu beitragen könnten, sagte der Bischof, dass die Kirchen in Österreich ihre Stimme für Frieden, Rechtsstaatlichkeit, Religionsfreiheit und die Eigenständigkeit der Kirchen erheben sollten. Auch die österreichische Politik könne einen positiven Beitrag leisten, "indem sie den Dialog unterstützt und zugleich auf die Wahrung von Rechtsstaatlichkeit, Religionsfreiheit und der kirchlichen Eigenständigkeit hinwirkt".

Petrosyan abschließend: "Wir brauchen keine politische Einmischung von außen. Wir brauchen Freunde, die uns helfen, miteinander im Gespräch zu bleiben. Das wäre aus meiner Sicht der wertvollste Beitrag Österreichs."

Armenien-Tagung in Salzburg

Bischof Petrosyan zählt auch zu den vortragenden der Jahrestagung der "Initiative Christlicher Orient" (ICO) und der Salzburger Pro Oriente-Sektion am kommenden Montag und Dienstag im Salzburger Bildungszentrum St. Virgil. Die Tagung ist dem armenischen Christentum gewidmet und findet in Zusammenarbeit mit dem Zentrum zur Erforschung des christlichen Ostens (ZECO) der Universität Salzburg statt. Den Hauptvortrag hält der aus Syrien anreisende armenisch-apostolische Bischof Armash Nalbandian.
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