Schönborn zum Abschluss von Bischofstagung im ungarischen Máriapócs "sehr beeindruckt" von Lebendigkeit der katholischen Ostkirchen - Schlussdokument des Europa-Bischofstreffens fordert verlässliche Diaspora-Strukturen und vertiefte Ökumene - Vatikan bereitet Ostkirchen-Dokument für römisch-katholische Bischöfe vor
Budapest, 19.09.2026 (KAP) Kardinal Christoph Schönborn hat sich zum Abschluss des Treffens der Bischöfe der katholischen Ostkirchen Europas im ungarischen Máriapócs "sehr beeindruckt" von der Lebendigkeit dieser Kirchen in ihren angestammten Heimatgebieten gezeigt. Die Auswanderung vieler Gläubiger sei für manche Kirchen eine erhebliche Belastung. Zugleich entstünden in der Diaspora lebendige Gemeinden, die ihr reiches liturgisches und geistliches Erbe mitbrächten und damit auch das kirchliche Leben im Westen bereicherten, sagte Schönborn im Gespräch mit dem Pressedienst der Erzdiözese Wien vor der Heimreise nach Wien.
Schönborn hatte an der Tagung im Auftrag und in Vertretung des neuen Ordinarius für die Gläubigen der katholischen Ostkirchen in Österreich, Erzbischof Josef Grünwidl, teilgenommen. Begleitet wurde er von Ostkirchen-Generalvikar Yuriy Kolasa. Dieser zeigte sich besonders ermutigt vom Beitrag des griechisch-orthodoxen Theologen Georgios Vlantis. Der in München tätige Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Bayern und Mitarbeiter der Theologischen Akademie von Volos habe die Brückenfunktion der katholischen Ostkirchen im ökumenischen Dialog deutlich gemacht. Gerade in der Diaspora teilten katholische Ostkirchen und orthodoxe Kirchen vielfach ähnliche pastorale Situationen. Daraus ergäben sich über den theologischen Dialog hinaus Möglichkeiten zu verstärkter praktischer Zusammenarbeit. Gemeinsam sei ihnen der Auftrag, für Christus und das Evangelium Zeugnis zu geben.
Tradition in der Diaspora lebendig halten
Das Schlussdokument des Treffens stellt die Weitergabe der ostkirchlichen Traditionen außerhalb der Herkunftsländer in den Mittelpunkt. Flucht und Migration hätten viele Gemeinden vor die Aufgabe gestellt, ihre liturgische und geistliche Identität unter neuen sprachlichen und kulturellen Bedingungen zu bewahren. Dafür brauche es geeignete Gottesdiensträume und verlässliche Rahmenbedingungen, die das eigene kirchliche Leben und die jeweilige Tradition sichern.
Besondere Bedeutung misst das Dokument der Liturgie zu. Kardinal Claudio Gugerotti, Präfekt des vatikanischen Dikasteriums für die orientalischen Kirchen, verwies auf die Bildsprache, die Symbolik und die Schönheit der östlichen Gottesdienste. Sie könnten auch Menschen in einem säkularisierten Umfeld ansprechen und einen Zugang zum Glauben eröffnen. Nicht nur die Feier selbst, sondern auch die Gestaltung der Kirchenräume und die theologische Dichte der liturgischen Texte spielten dabei eine wichtige Rolle.
Für die Aufnahme und pastorale Begleitung katholischer Ostchristen in Gebieten der Diaspora bereitet der Heilige Stuhl nach Angaben Gugerottis derzeit ein Dokument für die lateinischen Bischöfe vor. Weitere Themen des Schlussdokuments sind die Mitverantwortung der Laien sowie die Verantwortung der jeweiligen ostkirchlichen Kirchenleitungen für pastorale Planung und finanzielle Transparenz.
Breiten Raum nahm in Maria Pocs die Ökumene ein. Die Teilnehmer unterstrichen besonders den Dialog mit den orthodoxen Kirchen und sprachen sich zugleich für eine stärkere Gemeinschaft der katholischen Ostkirchen untereinander und mit der gesamten katholischen Kirche aus. Auch die Erfahrungen der Ostkirchen mit synodalen Formen kirchlichen Lebens könnten nach ihrer Auffassung einen eigenen Beitrag für die Gesamtkirche leisten. Leitgedanke sei, dass Gläubige auch fern ihrer Herkunftsländer in einer lebendigen kirchlichen Gemeinschaft verbunden bleiben.
Mit Blick auf die Ukraine und das Heilige Land riefen die Teilnehmer zum Ende der Kriege auf. Sie warnten davor, sich an Zerstörung, Gewalt und menschliches Leid zu gewöhnen.
Diaspora als "Laboratorium"
Der Liturgiewissenschaftler Stefano Parenti von der Päpstlichen Hochschule Sant'Anselmo in Rom forderte in seinem Vortrag würdige und gastfreundliche liturgische und kirchliche Räume für katholische Ostkirchen in der Diaspora sowie auch Rahmenbedingungen für sie, die ihnen eine angemessene Eigenständigkeit ermöglichen. Die seit den 1990er-Jahren stark gewachsene Diaspora bringe nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch die Gefahr mit sich, dass Sprache, Liturgie und kirchliche Tradition ausgedünnt würden. Die Ostkirchen müssten deshalb glaubwürdige Zeugen des christlichen Ostens bleiben.
Prof. Vlantis nahm die Situation der orthodoxen Kirchen in Westeuropa, besonders in Deutschland und Mitteleuropa, in den Blick. Er zeigte Chancen und neue Aufgaben des Dialogs zwischen Orthodoxen und katholischen Ostkirchen auf, verschwieg aber auch die Schwierigkeiten nicht, die sich teilweise aus Spannungen innerhalb der orthodoxen Gemeinschaft selbst ergeben. In den Arbeitsgruppen wurde die Diaspora in diesem Zusammenhang als ein "Laboratorium" ostkirchlicher Identität beschrieben.
Der ukrainische griechisch-katholische Bischof Hlib Lonchyna, der online zugeschaltet war, beleuchtete liturgische, ekklesiologische, sprachliche und ethnische Fragen des kirchlichen Lebens in der Diaspora. Er hob besonders die Bedeutung eines der byzantinischen Tradition entsprechenden Kirchenraums und die theologische und ekklesiologische Tiefe der liturgischen Texte hervor.
In seinem Schlussreferat weitete Kardinal Claudio Gugerotti den Blick auf das Verhältnis zu den lateinischen Gläubigen und Bischöfen, auf Chancen und Risiken der Diaspora, auf die Mitverantwortung der Laien sowie auf die Verantwortung der Leitungen der einzelnen Ostkirchen für pastorale Planung und finanzielle Transparenz. Zugleich warb er für eine stärker koordinierte Stimme der katholischen Ostkirchen in Europa. Er überbrachte den Teilnehmern Grüße von Papst Leo XIV. und verwies auf ein wachsendes Interesse vieler junger Menschen an Christus.
Knapp 50 Teilnehmer aus 14 Ländern
Gastgeber des Treffens war die Ungarische Griechisch-Katholische Metropolie unter Erzbischof-Metropolit Fülöp Kocsis; die Tagung fand unter der Ägide des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) statt. Vonseiten des CCEE nahmen Präsident Erzbischof Gintaras Grusas, Generalsekretär Antonio Ammirati und Vize-Generalsekretär P. Charbel Bteich teil. Nach Angaben der Veranstalter nahmen knapp 50 Personen aus 14 Ländern teil, darunter Bischöfe, Generalvikare beziehungsweise Synkellen und Diakone.
Das Treffen begann am Dienstag und endete am Freitag. Zum Programm gehörten neben den Arbeitssitzungen Gottesdienste und Begegnungen in Máriapócs, Tokaj und Nyíregyháza. Der für Máriapócs zuständige Bischof von Nyíregyháza, Ábel Szocska, erinnerte zur Eröffnung daran, dass eine Rückkehr zu den Quellen nicht die bloße Wiederherstellung äußerer Formen bedeute. Entscheidend sei, Christus in Liturgie, Theologie, Spiritualität und kirchlicher Disziplin immer neu zu entdecken
Die europäischen Treffen der Bischöfe der katholischen Ostkirchen gehen auf eine Initiative des damaligen ungarischen griechisch-katholischen Bischofs Szilárd Keresztes zurück. Das erste Treffen fand 1997 in Ungarn statt und endete mit einer Göttlichen Liturgie in Máriapócs. Seither beraten die Bischöfe regelmäßig über gemeinsame pastorale und kirchenpolitische Fragen. 2025 war Wien Gastgeber; dort lud Kocsis für 2026 nach Ungarn ein. Kommendes Jahr ist Bischof Milan Stipic, Eparch von Krizevci in Kroatien Gastgeber.
Ungarische griechisch-katholische Kirche
Die heutige Ungarische Griechisch-Katholische Kirche ist aus einer langen Entwicklung innerhalb des historischen Königreichs Ungarn und der Habsburgermonarchie hervorgegangen. Sie geht nicht auf eine eigene "ungarische Union" mit Rom zurück. Zu ihren historischen Wurzeln gehört vor allem die Union von Uschhorod von 1646, durch die sich ein Teil der ruthenischen Geistlichkeit im Karpatenraum mit der katholischen Kirche verband. Im weiteren habsburgischen Raum kamen andere Unionsbewegungen byzantinischer Christen hinzu, unter anderem bei Rumänen und Südslawen.
Ungarischsprachige griechisch-katholische Gemeinden gehörten daher lange zu überwiegend ruthenisch-kirchenslawisch oder rumänisch geprägten kirchlichen Strukturen. 1912 errichtete Papst Pius X. die Eparchie Hajdúdorog für einen großen Teil dieser Gemeinden. Nach den Grenzverschiebungen infolge des Ersten Weltkriegs wurde 1924 das Apostolische Exarchat Miskolc eingerichtet. 1980 wurde die Zuständigkeit Hajdúdorogs auf alle Katholiken des byzantinischen Ritus in Ungarn ausgedehnt.
Papst Franziskus gab der Kirche 2015 ihre heutige Gestalt: Er erhob sie zur Metropolitankirche eigenen Rechts (Ecclesia sui iuris), machte Hajdúdorog mit Sitz in Debrecen zur Metropolitan-Erzeparchie, erhob Miskolc zur Eparchie und errichtete die Eparchie Nyíregyháza. Heute umfasst die Kirche damit drei Jurisdiktionen und nach eigenen Angaben rund 300.000 Gläubige. An ihrer Spitze steht Erzbischof-Metropolit Fülöp Kocsis; Miskolc wird von Bischof Atanáz Orosz, Nyíregyháza von Bischof Ábel Szocska geleitet.
Máriapócs und Wien
Máriapócs, das zur Eparchie Nyíregyháza gehört, ist das wichtigste Marienheiligtum der ungarischen griechisch-katholischen Kirche und seit mehr als drei Jahrhunderten eng mit Wien verbunden. Am 4. November 1696 begann die dort verehrte Ikone der Gottesmutter zu weinen. Kaiser Leopold I. ließ das Bild 1697 nach Wien bringen; das Original wird bis heute im Stephansdom als "Pötscher Madonna" verehrt.
In Máriapócs wurde eine Kopie aufgestellt, die 1715 und 1905 ebenfalls Tränen zeigte. Damit blieb der ostungarische Ort selbst ein bedeutendes Wallfahrtszentrum, während das Original in Wien eine eigene Verehrungsgeschichte entwickelte. Der 330. Jahrestag des ersten Tränenwunders wird im Stephansdom am diesjährigen 7. und 8. November festlich begangen. Kardinal Schönborn lud die anwesenden Bischöfe zu dieser Feier nach Wien ein.