Leo XIV.: Heilige machen die Geschichte menschlicher
22.10.202610:46
Vatikan/Papst/Kirche/Wissenschaft/Geschichte
Papst würdigt Heilige als glaubwürdige Zeugen des Evangeliums - Kongress in Rom untersucht Prägung des Heiligkeits-Verständnisses durch historische Forschung und Glaube
Vatikanstadt, 22.10.2026 (KAP) Kurz vor dem Allerheiligenfest am 1. November hat Papst Leo XIV. die Bedeutung der Heiligen als Vorbilder für ein christliches Leben hervorgehoben. Bei einer Audienz für die Teilnehmer eines Kongresses des Dikasteriums für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse am Mittwoch im Vatikan betonte er, dass die Heiligen über ihre jeweilige Epoche hinaus zu den Menschen sprechen könnten. "Die Geschichte der Welt ohne die Heiligen und die heiligen Frauen wäre unermesslich ärmer, das heißt weniger menschlich", sagte der Papst. Der am Montag gestartete dreitägige Kongress widmete sich dem Verhältnis von Heiligkeit, Geschichte und gesellschaftlichem Wandel.
Leo XIV. unterstrich, dass kirchliche Selig- und Heiligsprechungsverfahren eine sorgfältige historische Prüfung erfordern. "Die Heiligkeit, die von der Kirche kanonisiert wird, muss durch authentische, glaubwürdige und über jeden Verdacht erhabene Zeugnisse bewiesen werden", erklärte er. Historische Kommissionen auf diözesaner Ebene sowie die Fachleute des vatikanischen Dikasteriums leisteten dazu einen wesentlichen Beitrag. Ziel sei allerdings nicht allein die historische Rekonstruktion eines Lebens, sondern die Herausarbeitung seiner Vorbildhaftigkeit, Spiritualität und des Rufs der Heiligkeit. Auch bei jüngeren Verfahren müsse das gesammelte Material kritisch und umfassend geprüft werden.
Die historische Einordnung sei zudem wichtig, weil sich Vorstellungen von Heiligkeit im Laufe der Zeit entwickelten. Dabei gehe es nicht darum, Heilige an wechselnden gesellschaftlichen Idealen zu messen, sondern ihr Leben aus dem Evangelium und den Bedingungen ihrer jeweiligen Epoche heraus zu verstehen. Die Gläubigen suchten in ihnen Orientierung für die Gegenwart und Fürsprecher bei aktuellen Herausforderungen.
Zugleich gehe die Bedeutung einer Heiligsprechung über den historischen Augenblick hinaus: Der Papst stelle damit der gesamten Kirche "glaubwürdige Zeugen des Evangeliums" vor, die "zu jeder Zeit sprechen können", sagte Leo XIV. Ihr Leben zeige, wie der Glaube gesellschaftliche Verhältnisse verändern und Hoffnung ermöglichen könne.
Historische Forschung als Grundlage
Der Kongress knüpfte an die Entwicklung der historischen Forschung in den Heiligsprechungsverfahren an. Papst Pius XI. hatte 1930 in der damaligen Ritenkongregation eine historische Abteilung eingerichtet und damit die systematische Anwendung historisch-kritischer Methoden auf sogenannte historische Heiligsprechungsverfahren gestärkt. Die Tagung behandelte unter anderem Archiv- und Quellenforschung, die historische Bedeutung von Verehrungsformen und religiösen Darstellungen sowie die Frage, wie Heilige in unterschiedlichen Epochen wahrgenommen und vermittelt wurden.
Kardinal Marcello Semeraro, der Präfekt des Dikasteriums, erinnerte zum Abschluss der Tagung daran, dass Heiligkeit nicht auf jene Menschen beschränkt sei, die offiziell selig- oder heiliggesprochen wurden. Neben den kirchlich anerkannten Heiligen gebe es die "Heiligen von nebenan": Menschen, die ihren Glauben im Alltag durch Nächstenliebe, Solidarität und ihren Dienst an anderen lebten. Semeraro verwies dabei auf Papst Franziskus, der mit diesem Bild die Berufung zur Heiligkeit im gewöhnlichen christlichen Leben beschrieben hatte.
Als Beispiel für die Bedeutung historischer Forschung nannte Semeraro den mexikanischen Indigenen Juan Diego Cuauhtlatoatzin (1474-1548), dem Seher der Guadalupe-Marienerscheinungen des Jahres 1531. Die historische Forschung habe dazu beigetragen, seine tatsächliche Existenz zu bestätigen und ihn nicht als bloße Legendenfigur erscheinen zu lassen. Der Fall verdeutliche, wie wichtig es sei, religiöse Überlieferungen anhand historischer Quellen zu prüfen.
Semeraro verwies außerdem auf den italienischen Priester Primo Mazzolari (1890-1959), dessen Positionen zu Lebzeiten wiederholt auf Widerstand in der kirchlichen Hierarchie gestoßen waren. Das Heilige Offizium hatte ihn mehrfach zensiert; seine Seligsprechung wurde 2017 eröffnet. "Es braucht Zeit", betonte der Kardinal mit Blick auf solche Entwicklungen. Das Beispiel verdeutliche, dass die historische Bewertung kirchlicher Persönlichkeiten differenziert ausfallen und sich im Lauf der Zeit verändern könne.
Sichtbarmachung Gottes in der Geschichte
Die Kirche erkenne ihre eigene Berufung zur Heiligkeit auch im Zeugnis konkreter Menschen, erklärte Semeraro. Heiligkeit bedeute, Gottes Liebe in der Geschichte sichtbar zu machen. Die Heiligen seien nicht deshalb bedeutend, weil sie außerhalb ihrer Zeit gestanden hätten, sondern weil sie auf deren Herausforderungen mit Glauben und tätiger Nächstenliebe reagiert hätten. Ihre Lebenszeugnisse zeigten, wie die Kirche ihren Glauben durch konkrete Menschen sichtbar mache und wie gelebte Heiligkeit der Geschichte eine neue Richtung geben könne.