Lange Zeit in Cusco tätiger Missionspriester Dumont im Kathpress-Interview über den "Herrn der Erdbeben", Synkretismus und die große Bedeutung von Katechisten und dem Rosenkranz für die Glaubensweitergabe in den Bergdörfern von Peru
Wien, 30.10.2026 (KAP) Nur drei bis vier Stunden wird der Papst am 15. November in Cusco verbringen. Für Perus Andenregion ist sein Aufenthalt dennoch von großer Bedeutung: An die 130.000 Gläubige aus weit entfernten Dörfern und auch aus dem grenznahen Chile werden an den beiden Veranstaltungsorten erwartet, Zigtausende weitere in umliegenden Straßen. Dass der Pontifex erst Mitte Oktober wegen eines bösartigen Lungentumors operiert wurde, macht die Kurzvisite in der Stadt auf 3.400 Meter Seehöhe zu einer Herausforderung. Fest steht dennoch: "Die Kirche vor Ort wartet schon auf den Besuch, mit enormer Freude und Enthusiasmus", berichtet der belgische Priester Sebastian Dumont, der lange als Missionar in Cusco wirkte und zuletzt im August vor Ort war, der Nachrichtenagentur Kathpress in Wien.
In der Andenstadt war 1985 schon Johannes Paul II. zu Gast und sprach damals am Ort der Verehrung des Sonnengotts Apu Inti von Christus als der wahren Sonne. Auch Leo XIV. kennt die frühere Hauptstadt des Inkareichs bereits aus eigener Erfahrung: Zuletzt 2021 war er in der Stadt, damals noch als Bischof Robert Francis Prevost von Chiclayo, ein Treffen der Bischofskonferenz des Landes über eine Neufassung diözesaner Statuten stand damals auf dem Programm; auch als Mitkonsekrator einer Bischofsweihe war er bereits vor Ort. Die Vorbereitungen für seinen nunmehr anstehenden Besuch wurden mehrfach umgestellt, zuletzt am 28. Oktober, als eine vatikanische Abordnung vor Ort die letzten Vorbereitungen überprüfte.
So soll der Papst laut dem aktuellen Reiseprogramm in der Inkastätte Sacsayhuamán einen Rosenkranz beten und vor dem Bild der Jungfrau von Belén, der als "Mamacha Belén" verehrten Patronin von Cusco, eine Goldene Rose niederlegen. Anschließend sind auf der zentralen Plaza de Armas das Angelusgebet und ein päpstlicher Segen geplant. Auch der "Señor de los Temblores" (Herr der Erdbeben), das in der Kathedrale verehrte Christus-Kreuz, wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Die Verehrung des Bildes und seine Anrufung in Krisenzeiten reichen bis ins Jahr 1650 zurück, als es nach einem verheerenden Erdbeben durch die Stadt getragen wurde. Alljährlich am Montag der Karwoche wird der dunkelhäutige Gekreuzigte in einer großen Prozession durch die Stadt getragen, was 2007 zum nationalen Kulturerbe Perus erklärt wurde.
Zwischen Inka-Tourismus und Bergdörfern
Cusco sei eine Stadt im Umbruch, sagt Priester Dumont, der bis Juli in der kubanischen Diözese Cienfuegos tätig war und mittlerweile Spiritual am Priesterseminar seiner Ordensgemeinschaft im spanischen Toledo ist. Mit Cusco und der Lebenswirklichkeit in den peruanischen Andendörfern ringsum sei er aus langjähriger Erfahrung vertraut. Im vergangenen August kehrte er für das Generalkapitel seiner Gemeinschaft, der "Missionare Diener der Armen", nach Cusco zurück. Dabei bemerkte er deutliche Veränderungen: Die Stadt habe sich wirtschaftlich weiterentwickelt, neue Supermärkte seien entstanden, der Handel floriere. Der rege Tourismus rund um das Heilige Tal und Machu Picchu schaffe viele Arbeitsmöglichkeiten und sei der wirtschaftliche Motor der Region.
Doch dieser Aufschwung erreicht nicht alle gleichermaßen. "In den Dörfern ist es nicht so, da hat sich nicht viel verändert", schildert Dumont. Die Familien lebten weiterhin von der Landwirtschaft, bewirtschafteten ihre Felder und hielten Schafe, Lamas oder Alpakas. Die Straßen seien zwar besser geworden, die Entfernungen blieben aber groß.
Auch die Sprache markiere Unterschiede: Während in den Städten Spanisch selbstverständlich sei, werde in den ländlichen Gemeinden weiterhin Quechua gesprochen. Dumont lernte die indigene Sprache während seiner Missionszeit. Für ihn gehört sie zu einer Lebenswelt, die sich nicht allein über Armut oder Abgeschiedenheit verstehen lässt, sondern auch durch eine eigene kulturelle Identität und eine tief verwurzelte Religiosität geprägt ist. Auch der sprachgewandte und in Peru beheimatete Papst dürfte wohl zumindest einige Worte in Quechua sprechen - "und der Applaus ist ihm dabei sicher", meint Dumont.
Katholischer Glaube und indigene Traditionen
In Cusco sei der katholische Glaube eng mit dem Alltag verbunden. Viele Menschen besuchten die Sonntagsmesse und verehrten die Jungfrau von Belén, die Stadtpatronin, oder den "Señor de los Temblores". Zugleich begegne man in der Region Vorstellungen und Bräuchen, die auf die indigene Welt vor der spanischen Eroberung zurückgingen. Dazu gehörten die Verehrung der Pachamama, der Mutter Erde, ebenso wie die besondere Bedeutung der Sonne. Dumont sieht darin nicht einfach einen Gegensatz zum Christentum, sondern eine Verbindung verschiedener kultureller Traditionen. Die heutige Kultur Cuscos sei "eine Mischung von Indigenen und Spaniern" und etwas Eigenständiges geworden.
Diese Verbindung bedeutet aus Sicht des Missionars allerdings nicht, dass alle religiösen Vorstellungen unverändert nebeneinanderstehen sollten. Die Kirche sei darum bemüht, bestimmte Praktiken im Licht des christlichen Glaubens zu verstehen und zu unterscheiden, was mit diesem vereinbar sei. "Die Erde ist eine Quelle vielen Segens, der Ernährung - ohne sie könnten wir nicht leben", erklärt Dumont. Zugleich müsse man vermitteln, "dass das alles der Schöpfer gemacht hat, der das Leben gibt". Es gehe darum, zwischen Schöpfung und Schöpfer zu unterscheiden.
Auch die in der Region verbreitete Verehrung der Sonne lasse sich aus der Lebenswirklichkeit der Menschen verstehen. "Wer in großer Kälte morgens seine Hütte verlässt und sich in der Sonne wärmt, kann erst nachvollziehen, warum sie eine so zentrale Rolle spielt", so Dumont. Schon die ersten Missionare hätten deshalb biblische Bilder aufgegriffen und Christus als "Sonne der Gerechtigkeit" verkündet: Auch hinter der lebensspendenden Kraft der Natur verweise der christliche Glaube auf den Schöpfer.
Die indigenen Bräuche seien dadurch nicht verschwunden. "Der sogenannte Pago an die Pachamama ist weiterhin in vielen Familien üblich", berichtet Dumont. Dahinter stehe die Vorstellung, von dem, was man besitze, etwas mit der Erde zu teilen. Der Priester beschreibt damit eine religiöse Praxis, in der indigene Vorstellungen und katholischer Glaube miteinander verwoben sind. Die Begegnung mit dieser Tradition verlangt aus seiner Sicht sowohl Verständnis für die Lebenswelt der Menschen als auch eine klare christliche Orientierung.
Priester fehlen in abgelegenen Gemeinden
Eingehend beschreibt Dumont auch die schwierigen Bedingungen in den Bergdörfern. Es fehle dort nicht nur an wirtschaftlichen Perspektiven, sondern zumeist auch an regelmäßigem Zugang zu den Sakramenten und an ausreichender seelsorglicher Versorgung. Viele Gemeinden könnten nur einmal im Monat, andere sogar nur ein- oder zweimal im Jahr von einem Priester besucht werden. Die Wege seien lang, Fahrzeuge und Treibstoff teuer, und für viele Dörfer in den dünn besiedelten Regionen dauere die Anreise mehrere Stunden - "obwohl es sich um dieselbe Pfarre handelt".
Eine wichtige Rolle übernehmen deshalb Katechisten, die vom Bischof beauftragt und für ihren Dienst ausgebildet werden. Sie versammeln die Menschen zum Gebet, lesen und erklären das Evangelium, leiten Katechesen und bereiten Gläubige auf die Sakramente vor. Wo auch Katechisten fehlten, sei das gemeinsame Rosenkranzgebet ein wichtiges Element, um den Glauben und die Gemeinschaft lebendig zu halten.
Der Rosenkranz sei auch ein wichtiges Erkennungszeichen der Katholiken gegenüber anderen religiösen Gemeinschaften wie den ebenfalls in der Region tätigen Pfingstkirchen, Adventisten und Mormonen, sagte Dumont: "Die Leute wissen: Wenn du den Rosenkranz betest, bist du katholisch."
In den Städten ist die Situation anders. Dumont berichtet von Schulen seiner Ordensgemeinschaft, in denen Gebet, Gottesdienste und Sakramentenempfang zum Alltag gehören. Gleichzeitig werde der Glaube in manchen Familien nur noch von einzelnen Mitgliedern praktiziert. Die Kirche stehe damit vor der Aufgabe, junge Menschen und Familien dauerhaft zu erreichen.
Schatz in den Anden
Als Beitrag der Kirche für die Gesellschaft in der Region Cusco nennt Dumont vor allem die Begleitung der Menschen, die Möglichkeit zur Gemeinschaft sowie den Zugang zum Evangelium und zu den Sakramenten. Leo XIV. werde bei seinem Kurzbesuch wohl Botschaften vermitteln, die den Menschen nahekommen und ihre Lebenswirklichkeit ernst nehmen. Der Missionspriester verweist dabei auch auf die Zuwendung zu den Schwächsten und auf den Schutz ungeborenen Lebens: Oft würden Frauen in den Andendörfern bei einer Schwangerschaft unreflektiert Kräuter mit abtreibender Wirkung einnehmen. Ein Wort des Papstes könnte helfen, dafür Bewusstsein zu schaffen und die Würde des Lebens stärker ins Zentrum zu rücken.
Die Bevölkerung der Anden sei für die katholische Kirche ein großer Schatz, lautet Dumonts Fazit. Er selbst sei von seinen Missionsjahren dort nachhaltig geprägt worden, "vor allem von ihrer Demut und ihrer Geduld". Die Menschen könnten warten, bis sie etwas bekämen, und begegneten anderen nicht von oben herab. Sichtbar sei dies etwa bei der Beichte. Bei seinem jüngsten Aufenthalt in Cusco habe er in der Kathedrale zweimal von sechs bis elf Uhr morgens ohne Pause Beichte gehört. "Die Ehrlichkeit und der tiefe Glaube der Menschen haben mich beeindruckt", sagt der 49-jährige Priester.