Theologe: US-Wähler setzen Alltag vor politische Ideologie
04.11.202610:53
(zuletzt bearbeitet am 04.11.2026 um 14:25 Uhr)
Österreich/USA/Politik/Wahl/Religion
Ergebnis der Midterms könnte auch religionspolitisch einen Wendepunkt markieren, meint der Salzburger Theologe und USA-Experte Andreas Weiß
Wien, 04.11.2026 (KAP) Das Ergebnis der US-Zwischenwahlen zeigt aus Sicht des Salzburger Theologen und USA-Experte Andreas G. Weiß, dass die Alltagssorgen der Menschen schwerer wiegen als politische Ideologien. Auch biete sich für die Vereinigten Staaten die Chance, christliche Überzeugungen wieder stärker jenseits parteipolitischer Bindungen zu verstehen, erklärte Weiß am Mittwoch in einer Einschätzung für die Nachrichtenagentur Kathpress. Bei den Midterms haben die Republikaner von Präsident Donald Trump eine schwere Niederlage erlitten und die Demokratische Partei die Mehrheiten in beiden Kongresskammern gewonnen.
Die Wahlen seien in vielerlei Hinsicht "eine Wahl des Alltags gegen Ideologie" gewesen, so Weiß. "Wenn sich Menschen kaum noch leisten können, was sie zum Leben brauchen, und wirtschaftliche Unsicherheit und internationale Konflikte ihre Zukunft prägen, verlieren auch tief verwurzelte politische Loyalitäten an Bindekraft." Die Wähler hätten deutlich gemacht, dass politische Glaubenssätze allein keine Antworten auf die konkreten Herausforderungen ihres Lebens lieferten.
Auch religionspolitisch könnte das Ergebnis einen Wendepunkt markieren, erklärte der Experte. "Über Jahre hinweg haben Donald Trump und die religiöse Rechte für sich beansprucht, maßgeblich zu bestimmen, was in Amerika als christliche Politik gilt. Doch das Christentum ist kein politisches Eigentum der Republikanischen Partei. Was christlich ist, entscheidet sich weder im Weißen Haus noch am Schreibtisch des Präsidenten. Diese Selbstverständlichkeit rückt nun wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein."
Das Beispiel Talarico
Als Beispiel für eine andere Verbindung von Glauben und Politik nannte Weiß den Erfolg des 37-jährigen James Talarico, der als erster Demokrat seit mehr als drei Jahrzehnten einen der beiden Senatorensitze von Texas im US-Kongress gewonnen hat. Der Wahlsieg des presbyterianischen Talarico zeige, dass eine ausdrücklich christlich geprägte politische Haltung nicht zwangsläufig zu Positionen der religiösen Rechten führen müsse, so Weiß.
Talarico habe damit auch im konservativ geprägten "Bible Belt" eine mögliche Alternative aufgezeigt, "weg von populistischer Abwehrhaltung und hin zu einer christlich geprägten Politik, welche die Herausforderungen der Gegenwart ernst nimmt". Christliche Überzeugungen könnten eine politische Sprache der Solidarität, der Menschenwürde und des gesellschaftlichen Zusammenhalts begründen.
Auch in der katholischen Kirche der USA sei das Verhältnis von Glaube und politischer Macht in Bewegung. Die zunehmende Kritik zahlreicher Bischöfe an Positionen der Trump-Regierung zeige, "dass sich die katholische Soziallehre nicht auf parteipolitische Loyalitäten reduzieren lässt", so Weiß. Das Pontifikat von Papst Leo XIV. könnte diese Eigenständigkeit weiter stärken. Es gehe nicht darum, die Kirche auf die andere politische Seite zu ziehen, sondern ihre Freiheit gegenüber politischer Vereinnahmung zu bewahren.
Sich nicht ständig über Feindbilder definieren
Die Wahl sei mehr als ein Protest gegen Trump gewesen, erläuterte der US-Experte. "Sie eröffnet die Chance, den amerikanischen Traum wieder als gemeinsame Zukunftsvorstellung zu verstehen - ohne dass Menschen ihre politischen, kulturellen oder religiösen Unterschiede aufgeben müssen". Entscheidend sei, ob Politik wieder ein Zusammenleben ermögliche, das sich nicht ständig über Feindbilder definiere. Der amerikanische Traum sei zwar in seiner bisherigen Selbstverständlichkeit erschüttert, so Weiß. Durch die Wahlen sei aber vorstellbarer geworden, dass er in neuer Form wieder verbindende Kraft entfalten könne.