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Anstand und Nächstenliebe statt Hass als US-Wahlkampfschlager

04.11.2026 15:40
USA/Wahl/Religion
Demokratische Wahlsieger jagten Republikanern christliche Mitte ab - Hintergrundbericht von Tobias Käufer (KNA)
Washington, 04.11.2026 (KAP/KNA) Als ein euphorischer James Talarico vor seine jubelnden Anhänger tritt, hält er keine klassische Siegesrede. Seine Ansprache erinnert mehr an eine Predigt. Sein wichtigstes Wort in diesen historischen Minuten: Liebe. Er spricht darüber, was ihn seine Mutter gelehrt habe; die Liebe zu Gott und zu seinem Nächsten. Er spricht davon, dass eine gespaltene Gesellschaft wieder zueinander finden muss. Mit Liebe.

James Talarico (37) ist einer der Stars dieser historischen Wahlnacht in den USA, die schon am Mittwoch ein anderes Land aus den Vereinigten Staaten gemacht haben. Er gewann den mit Abstand am meisten beachteten Wahlkampf zur Halbzeit der Präsidentschaft von Donald Trump. Er holte in Texas den Senatssitz gegen Ken Paxton - was vor Monaten noch viele für unmöglich hielten.

Erstens weil Texas über Jahrzehnte eine republikanische Hochburg war; und zweitens, weil Tech-Milliardär Elon Musk Hunderte Millionen US-Dollar in den Wahlkampf pumpte, damit Texas republikanisch bleiben sollte. Die Demokratie habe gegen die Macht des reichsten Mannes der Welt gewonnen, sagt Talarico nun. Allerdings gingen auch auf dem Spendenkonto seiner Kampagne Millionen ein, wenn auch nicht annähernd so viel wie bei Paxton.

Highway-Gebote: Gottesfurcht und Gebet

Talarico steht nun für einen Typus demokratischer Wahlsieger, die den Republikanern die christlich geprägte Mitte abjagte. In einem Bundesstaat, in dem auf den Highways riesige Schilder Gottesfurcht und Gebete anmahnen, war das eine interessante Strategie.

Trump versuchte kurz vor den Midterms durch die Hintertür eine vermeintliche Unterstützung durch die mit ihm gemeinsam betenden katholischen US-Bischöfe zu präsentieren - indem er ohne deren Zustimmung ein Video von dem Gebet veröffentlichte. Doch die Bischöfe distanzierten sich davon und sorgten in den US-Pfarren für viel Gesprächsstoff und Kopfschütteln über Trump.

Talarico erwarb im Mai 2025 einen Master in Theologie am Presbyterian Theological Seminary im texanischen Austin. Tatsächlich tritt er bisweilen mehr auf wie ein Prediger als wie ein klassischer Politiker. Und er war damit nicht allein; denn auch in Kansas gelang so ein politisches "Wunder".

Demokraten in Kansas schreiben Geschichte

Adam Hamilton, Gründer und Prediger der "Church of the Resurrection" holte in dem Flyover-State Kansas den ersten Senatssitz für die Demokraten seit 1932. Damit trug er sich in die Geschichtsbücher ein. Sein Stil ähnelte mehr jenem eines moderaten Republikaners wie John McCain oder Mitt Romney, die stets mit Trump fremdelten und innerhalb der Partei vor ihm warnten.

Auch Hamilton machte Nächstenliebe zu seinem Wahlkampfthema - und wurde dafür von Trump und von seinem lokalen Rivalen verspottet. "Ich finde, wir sollten nicht eine kleine Gruppe von Menschen herausgreifen, sie schikanieren, auf ihnen herumhacken und ihnen wehtun", sagte Hamilton auf die Frage, wie er zur LGBTQ+-Community stehe; und: "Jesus hat mir gesagt, ich solle meine Nächsten lieben wie mich selbst."

"Freiheit der Frau steht über Bundesstaat"

Der Methodisten-Pastor setzt sich "aus Mitgefühl für einen legalen und sicheren Zugang zu Abtreibung ein"; und er stellt die individuelle Freiheit der Frau über den Bundesstaat, der nicht das Recht habe, ihr zu sagen, wie sie sich in einer Schwangerschaft zu verhalten habe. Und überhaupt wolle er den "Anstand" in der US-Politik wiederherstellen.

Die "Prediger" erreichten damit offenbar auch die katholischen Wähler in den USA. Latino-Katholiken wählten mit deutlicher Mehrheit die Demokraten (59 Prozent), während nur 19 Prozent ihr Kreuz bei den Republikanern machten. Selbst bei den weißen Katholiken, traditionell den Republikanern näherstehend, gaben nur noch 50 Prozent an, für Trumps Partei gestimmt zu haben. Historische Momente gab es in dieser Nacht: Keisha Lance Bottoms wird als landesweit erste afroamerikanische Gouverneurin künftig Georgia regieren. Und Gina Hinojosa ist die erste Latina, die Gouverneurin in Texas wird.
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